Vodafone - der Riese speckt ab

Donnerstag, 31. August 2006 00:00
Vodafone

(IT-Times) Arun Sarin ist nicht zu beneiden. Der CEO des nach Umsatz weltgrößten Mobilfunknetzbetreibers Vodafone Group Plc. (WKN: A0J3PN) ist zwar bereits seit 2003 im Amt, aber das laufende Jahr scheint sein bisher schwerstes zu sein. Vor allem die Aktionäre sitzen dem gebürtigen Inder mit US-Pass im Nacken und Sarin selbst musste ihnen gegenüber nachgeben.

Die Sache mit Arcor

Gestern verkündete Vodafone Deutschland, dass ab dem 1. September Triple Play-Angebote vermarktet würden. Mobilfunk, Festnetz und Internetzugang können zukünftig aus einer Hand bezogen werden. Das Paket soll zwischen 34,95 und 49,95 Euro pro Monat kosten. Was sich zunächst unspektakulär anhört, ist aber in der Tat ein Strategiewechsel. Bis jetzt ist Vodafone als reiner Mobilfunknetzbetreiber aufgetreten und wollte diese Linie auch weiter fahren - wäre es nach Sarin gegangen.

Das Angebot kann nämlich nur in Kooperation mit Arcor realisiert werden. Die ehemalige Mannesmann-Festnetzsparte war durch die historische Übernahme 2000 in Besitz der Briten gekommen. Da sie nicht zum Kerngeschäft von Vodafone gehörte, sollte sie mittelfristig veräußert werden - die Interessenten standen schon Schlange. Doch ein Verkauf der deutschen Nummer zwei erscheint nun mehr denn je unwahrscheinlich.

„Der Markt wächst rasant. Jeder muss nur genügend große Schöpfkellen aufhalten. Uns geht es darum, dass wird an diesem Wachstum adäquat teilhaben", sagte Friedrich Joussen, Deutschland-Chef von Vodafone, am 13. März der FTD und fiel seinem Chef damit öffentlich in den Rücken - zumindest musste dieser Eindruck entstehen. Auf der anderen Seite macht die durch den Verbleib Arcors im Konzern erst mögliche Strategie Sinn. Im deutschen Mobilfunkgeschäft sind keine nennenswerten Wachstumsraten zu erwarten. Der Markt ist gesättigt, der Wettbewerb steigt und die Preise sinken - laut Statistischem Bundesamt allein in dem Jahr bis Juni 2006 um 12,6 Prozent. Im DSL-Segment sieht dies anders aus und Bündelangebote werden zukünftig an Bedeutung gewinnen. So teilte O2/Telefonica heute den Start eines solchen Produktes mit, auch E-Plus-Besitzer KPN wollte mit dem Kauf von AOLs deutschem ISP-Geschäft entsprechende Grundlagen schaffen.

Abspecken

Die Worte Joussens an sich wären gar nicht so spektakulär gewesen. Allerdings war bei Vodafone zu diesem Zeitpunkt die Hölle los. Gerüchte über die bevorstehende Übernahme des Konzerns durch ein Konsortium aus Telefonica, Verizon und Private Equity-Unternehmen machten die Runde. Kurz zuvor hatte Vodafone eine Umsatzwarnung herausgegeben und milliardenschwere Abschreibungen angekündigt. Die waren vor allem den defizitären japanischen Aktivitäten zuzuschreiben, die schließlich an Softbank veräußert wurden - Sarin wollte eigentlich an Vodafone KK festhalten.

Inzwischen hat sich der Rauch gelegt und Vodafone hat von der alten Strategie des Wachstums durch Übernahmen Abstand genommen. In den europäischen Hauptmärkten (UK, Deutschland, Spanien, Italien), wo 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet werden, will man vor allem die Kosten reduzieren und durch neue Dienste wie UMTS zusätzlichen Umsatz reinholen. Für den Gesamtkonzern wurde die Parole des „aktiven Portfoliomanagements“ herausgegeben. Was das bedeutet, wurde in der letzten Woche klar. Das 25prozentige Paket an dem belgischen Mobilfunknetzbetreiber Proximus wurde für zwei Mrd. Euro an Belgacom veräußert. Auch die Minderheitsbeteiligung an Swisscom Mobile steht nach Medienberichten zur Disposition. Eine Absage erteilte Sarin jedoch schon frühzeitig dem Ausstieg bei Verizon Wireless. Das Joint Venture mit dem US-Telekommunikationskonzern Verizon Communications ist die Nummer zwei auf dem Markt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Verizon selbst und institutionelle Investoren würden dies gerne sehen, für die 45prozentige Beteiligung würden aber geschätzte 40 Mrd. US-Dollar fällig. Nach dem Willen der Aktionäre sollte diese Summe an sie ausgeschüttet werden - quasi als Entschädigung für die maue Aktienperformance der letzten Jahre. Zu dieser Konzession war Sarin aber selbst im März, als sein Rücktritt gefordert wurde, nicht bereit. Der US-Markt birgt mit einer für eine Industrienation geringen Mobilfunkpenetrationsrate von knapp über 70 Prozent schließlich noch ein deutliches Wachstumspotential.

Wachstumsträger sollen es richten

Richtiges Wachstum erhofft man sich aus dem Segment „Eastern Europe, Middle East, Africa, Asia Pacific and Affiliates“ (EMAPA). Hier sind größtenteils die Tochtergesellschaften und Beteiligungen aus den Emerging Markets (Schwellenländer) zusammengefasst. In dem Quartal mit Ende am 30.Juni 2006 wurde hier ein organisches Umsatzwachstum von knapp 20 Prozent erreicht, zudem wurde der übernommene türkische Anbieter Telsim konsolidiert und steuerte knapp zwölf Millionen neue Kunden bei. Insgesamt sind in diesem Segment die Hälfte der über 180 Millionen Vodafone-Nutzer erfasst, 3,6 Millionen Neukunden kamen im Berichtszeitraum organisch hinzu. Vor allem die letzte Zahl verdeutlicht, dass Vodafone in Ländern mit Wachstumspotential vertreten ist. Hier taten sich besonders Ägypten (Mobilfunkpenetration bei rund 20 Prozent), Rumänien und Vodacom, das südafrikanische Joint Venture mit dem dortigen Ex-Monopolisten Telkom SA, hervor. Letzteres steuerte allein 1,37 Millionen neue Kunden bei und ist darüber hinaus noch in Tansania, Lesoto, Mosambik und der DR Kongo aktiv.

Hier zeigt sich ein Problem bei Vodafones Emerging Markets-Strategie. Viele Märkte sind bereits in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium, mittelfristig wird sich das Wachstum in der Summe abschwächen. Als die heißesten Märkte gelten derzeit jedoch Indien, Nigeria und Indonesien. In der zweiten Reihe stehen Bangladesch, Vietnam, die Philippinen und Pakistan. Mit Ausnahme der zehnprozentigen Beteiligung an der indischen Bharti Televentures (Marktanteil: 22,5 Prozent; rund 25 Millionen Kunden) hat Vodafone hier keinen Footprint. Zudem ist Indien zwar der größte Markt, aber die Regierung erlaubt nur ausländische Beteiligungen bis 75 Prozent. Vodafone würde gerne aufstocken, allerdings hält der südostasiatische Wettbewerber Singapore Telecommunications (SingTel) ein Drittel des Unternehmens, womit eine Mehrheitsbeteiligung unmöglich scheint. Sarin selbst gab noch letzten Monat zu verstehen, dass man in seinem Heimatland nirgendwo anders einsteigen wolle. Aber: Was Sarin sagt und was hinterher doch passiert, muss nicht unbedingt deckungsgleich sein - das haben wir 2006 schon gelernt.

Meldung gespeichert unter: Telekommunikationsnetzbetreiber (Carrier)

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