Deutsche Telekom und der Sturm im Wasserglas

Montag, 4. September 2006 00:00
Deutsche Telekom

(IT-Times) Und der Sieger heißt: Kai-Uwe Ricke. Am vergangenen Wochenende tagte der Aufsichtsrat der Deutsche Telekom AG (WKN: 555750). Viel war im Vorfeld spekuliert worden, es wurde sogar von einer bevorstehenden Ablösung einiger Vorstände gesprochen. Doch Ricke legte ein Konzept vor, dass im Gremium offenbar gut ankam. Der Vorstandschef wurde sogleich mit weiteren Kompetenzen ausgestattet. Aber war das nun der große Wurf, der alle Sorgen vergessen macht oder einmal mehr nur ein Stürmchen im Wasserglas?

Rochade: Der König aus der Schusslinie

Vor allem Ricke geht als Gewinner aus dem Wochenende hervor. Die letzten Wochen waren nicht einfach gewesen. Besonders die Gewinnwarnung hatte sein Image angekratzt, Ricke selbst räumte ein, die Wachstumschancen in Deutschland überschätzt zu haben. Doch mit der jetzigen Rückendeckung des Aufsichtsrates hat er Zeit gewonnen - wenn auch nicht viel. Im November 2007 läuft sein Vertrag aus, normalerweise wird bereits ein Jahr im Voraus eine Weichenstellung vorgenommen. Ricke sagte nur, dass er sich diesbezüglich keine Gedanken mache. Spätestens im Dezember jedoch werden die Telekom-Gremien Farbe bekennen müssen, ansonsten schwächen sie Rickes Position - wo sie doch gerade erst gestärkt wurde.

Nach dem am Wochenende beschlossenen Änderungen ist Ricke ab sofort neben dem weltweiten Marken-Management auch für Werbeplanung, Mediakoordination und das Werbebudget zuständig. Der Chef der Geschäftskundensparte T-Systems, Lothar Pauly, übernimmt in weltweiter Verantwortung die Bereiche Netztechnik, IT und Einkauf. T-Mobile-Vorstand Rene Obermann übernimmt den deutschen stationären Vertrieb, was die T-Punkte sowie die Handelspartner umfasst. Diesen Bereich hatte bislang T-Com-Chef Walter Raizner abgedeckt. Die Änderungen gehen auf eine Initiative Rickes zurück und sind Bestandteil eines Sieben-Punkte-Planes.

Aus alt macht neu

Das Konzept hinter den Ganzen heißt „Telekom 2010“. Langfristiges Ziel ist dabei, Europas führendes Telekommunikationsunternehmen zu werden - sowohl beim Umsatz, als auch - und das ist neu - beim Ertrag. Im gleichen Atemzug wird für Deutschland jedoch die Parole der, so Ricke, „nachhaltigen Ertragssicherung“ ausgegeben. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass auf dem großen Heimatmarkt kurz- und mittelfristig kein nennenswertes Wachstum zu erwarten ist. Bei Vorlage der Quartalszahlen im August räumte Ricke dies selbst explizit ein. Im ersten Halbjahr verlor man schließlich über eine Million Kunden - Tendenz steigend und kein Ende in Sicht. Mit den neuen Bündelangeboten und den bis zu 30prozentigen Preissenkungen, die am vergangenen Donnerstag auf der IFA vorgestellt wurden, kann die Kundenerosion vielleicht gemildert werden. Konzernintern will man zudem weiter Kosten sparen und die Strukturen verbessern.

Die interessanten Dinge sind dagegen nur in Nebensätzen zu finden. Es gibt bei der Telekom nämlich auch Wachstumssegmente. Gerade am letzten Freitag ging die 73ste Versteigerungsrunde für Mobilfunklizenzen in den USA zu Ende. Der ambitionierteste Bieter ist T-Mobile. 4,16 Mrd. US-Dollar wurden bereits in 116 Lizenzen investiert. Mit 23 Millionen Kunden ist der überseeische Ableger zwar nur die Nummer vier auf dem US-Markt, doch dieser bietet bei einer vergleichsweise geringen Mobilfunkpenetration von knapp über 70 Prozent noch Wachstumspotential. T-Mobile USA soll laut Sieben-Punkte-Plan zur größten Geschäftseinheit im Privatkundengeschäft des Konzerns entwickelt werden. Außerdem wolle die Telekom den Einstieg in das Breitbandgeschäft in den osteuropäischen Märkten prüfen. Dort ist die DSL-Marktdurchdringung auf einem sehr niedrigen Niveau, zudem ist die Telekom in vielen Ländern der Region als Mobilfunknetzbetreiber bereits vor Ort und könnte Kunden als integrierter Anbieter locken. Allerdings wären dann Kooperationen mit lokalen Anbietern oder Übernahmen nötig.

Kurzportrait

Die Deutsche Telekom AG ist Europas größtes Telekommunikationsunternehmen. Der Konzern ist in die Sparten T-Mobile (Mobilfunk), T-Com (Festnetz und Internet) sowie T-Systems (Geschäftskunden) gegliedert. Zum Portfolio des Unternehmens gehören Mobilfunkdienstleistungen aller Art, die Bereitstellung von Festnetz- und Internetzugängen sowie der Wiederverkauf von Internetzugängen (Wholesale). Das Geschäftsfeld T-Systems ist auf mittelständische, große und internationale agierende Geschäftskunden ausgerichtet, wobei auch IT-Dienstleistungen erbracht werden. Zudem bietet die Telekom über das neue VDSL-Hochgeschwindigkeitsnetz auch Internetfernsehen und terrestrisches Fernsehen an.

Die Deutsche Telekom AG ist aus der Telekommunikationssparte der Deutschen Bundespost hervorgegangen. Anfang 1995 erfolgte die Umwandlung in eine AG, im November 1996 der umjubelte Börsengang. In der Folgezeit wurde die internationale Expansion vorangetrieben, Schwerpunkte waren Ost- und Südosteuropa. Aber auch in Asien erwarb man einige Beteiligungen, die bis 2003 jedoch wieder allesamt abgestoßen wurden. Eine der spektakulärsten Transaktionen war die Übernahme des US-Mobilfunknetzbetreibers Voicestream Wireless für rund 40 Mrd. US-Dollar im Jahr 2001. Das TV-Kabelnetz wurde auf der anderen Seite sukzessive abgestoßen. Heute hält der Bund direkt und indirekt noch rund 30 Prozent an dem Unternehmen.

Zahlen

Der Gesamtumsatz der Deutschen Telekom legte im abgelaufenen zweiten Quartal 2006 um 2,6 Prozent auf 15,13 Mrd. Euro zu. Dabei stand das Inlandsgeschäft deutlich unter Druck. Hier schrumpfte der Umsatz um 4,4 Prozent auf 8,14 Mrd. Euro, während man im Ausland rund zwölf Prozent zulegte. Unter dem Strich blieb dem Ex-Monopolisten rund eine Mrd. Euro als Konzernüberschuss. Noch im Vorjahreszeitraum hatte sich dieser Wert auf 1,169 Mrd. Euro summiert und lag damit 14 Prozent höher.

Vor allem in der Festnetzsparte T-Com setzte sich die Abwanderung der Kunden fort. Allein im zweiten Quartal 2006 verloren die Bonner rund 700.000 Anschlüsse. T-Mobile gewann 1,5 Millionen neue Kunden, wobei sich das US-Geschäft und T-Mobile UK erneut als Wachstumstreiber erwiesen. Auch das Breitband-Geschäft konnte einen Kundezuwachs verbuchen. Hier hat die Telekom inzwischen zehn Millionen Namen in der Kartei - 600.000 mehr als noch am Ende des ersten Quartals.

Meldung gespeichert unter: Telekommunikationsnetzbetreiber (Carrier)

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