38.000 offene Stellen für IT-Experten

Donnerstag, 20. Oktober 2011 11:09
BITKOM

- Bedarf an IT-Fachkräften in der Wirtschaft deutlich gestiegen

- Gehälter in der Hightech-Branche legen um fast 5 Prozent zu

- Kempf: „Reformen in der Bildungs- und Zuwanderungspolitik forcieren“

Berlin, 20. Oktober 2011

In der deutschen Wirtschaft gibt es aktuell rund 38.000 offene Stellen für IT-Experten. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der freien Arbeitsplätze um 10.000 angestiegen, was einem Zuwachs von 36 Prozent entspricht. Das ist das Ergebnis einer Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, die der Hightech-Verband BITKOM heute in Berlin vorgestellt hat. Bei der repräsentativen Umfrage wurden 1.500 Geschäftsführer und Personalverantwortliche von Unternehmen aller Branchen befragt. „Der Bedarf an IT-Experten ist kräftig gestiegen“, sagte BITKOM-Präsident Prof. Dieter Kempf. „Die schwächeren Aussichten der Gesamtkonjunktur haben derzeit keine Auswirkungen auf die Beschäftigung im Hightech-Sektor.“ Nach Einschätzung der befragten Firmen hat sich parallel der Fachkräftemangel verschärft. 58 Prozent sagen, dass ein Mangel an IT-Spezialisten herrscht. Das ist ein höherer Wert als in den Boom-Jahren 2007 und 2008. Kempf: „Die Reformen in der Bildungs- und Zuwanderungspolitik müssen forciert werden, um die Leistungsfähigkeit des Hightech-Standorts Deutschland zu sichern.“

Laut Umfrage entfallen rund 16.000 der offenen Stellen für IT-Experten auf die ITK-Branche, der Großteil davon auf Anbieter von Software und IT-Dienstleistungen. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Software-Entwicklern. 84 Prozent der ITK-Unternehmen mit freien Arbeitsplätzen suchen Software-Spezialisten für die Entwicklung neuer Anwendungen. 40 Prozent benötigen Marketing- und Vertriebsexperten und 36 Prozent IT-Berater. „Der Trend geht zu technisch und organisatorisch sehr anspruchsvollen Tätigkeiten, die eine fundierte Ausbildung erfordern“, sagte Kempf. Bei den Anwendern von ITK-Lösungen in anderen Wirtschaftszweigen gibt es rund 22.000 freie Jobs. Hier suchen 59 Prozent der befragten Unternehmen IT-Administratoren, die für den reibungslosen Betrieb von Hard- und Software in der Organisation sorgen.

Positiv entwickeln sich die Gehälter von IT-Experten. Nach einer Untersuchung der Personalberatung Kienbaum für den BITKOM steigen die Gehälter von IT-Spezialisten in der ITK-Branche im laufenden Jahr im Schnitt um 4,7 Prozent. Andere Fachkräfte verdienen in der gesamten Industrie nur durchschnittlich 2,7 Prozent mehr. „Die Gehälter in der ITK-Branche steigen kräftig und das auf hohem Niveau“, sagte Kempf. Im Jahr 2010 erhielten Vollzeitbeschäftigte in der ITK-Wirtschaft ein Bruttojahresgehalt von durchschnittlich 60.100 Euro. Damit lag die Hightech-Branche noch vor den Energieversorgern mit rund 59.400 Euro Bruttojahresgehalt, der chemischen Industrie mit 54.600 Euro oder dem Fahrzeugbau mit 54.500 Euro.

Die BITKOM-Umfrage zeigt, was die Firmen angesichts des Experten-Engpasses für die Gewinnung junger Mitarbeiter tun. Zwei Drittel der befragten Unternehmen bieten Praktika oder Werkstudenten-Jobs an. 54 Prozent bilden in unterschiedlichen Berufen selbst aus. Damit liegt die ITK-Branche deutlich über dem Durchschnitt der deutschen Industrie von rund 30 Prozent. Jeweils 43 Prozent kooperieren mit Schulen oder Hochschulen.

Für die Sicherung des Nachwuchses im Hightech-Bereich schlägt der BITKOM eine Drei-Säulen-Strategie vor: weitere Reformen im Bildungssystem, eine verstärkte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland sowie eine Qualifizierungsoffensive, mit der u.a. mehr weibliche Fachkräfte gewonnen werden können. Reformen in der Bildung müssten bereits in der Schule ansetzen. „Wir brauchen Informatik als Pflichtfach an allen Oberschulen, um mehr junge Menschen für eine Ausbildung im IT-Umfeld zu begeistern“, sagte Kempf. Gleichzeitig müsse die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler bei PC-Anwendungen, die für Studium und Beruf relevant sind, verbessert werden. An den Hochschulen gelte es, die hohen Studienabbrecherquoten in den technischen Fächern zu senken.

Ein weiterer Weg zu mehr Fachkräften ist eine stärkere Zuwanderung. Die Bundesregierung hat im Juni 2011 beschlossen, Berufsgruppen wie Ingenieure und Ärzte von der Vorrangprüfung auszunehmen. Dabei stellt die zuständige Arbeitsagentur fest, ob den entsprechenden Job nicht auch ein Deutscher oder ein anderer EU-Bürger machen könnte. „IT-Experten wurden bei der Abschaffung der Vorrangprüfung nicht berücksichtigt. Das ist aus unserer Sicht völlig unverständlich“, sagte Kempf. Zur Begründung heißt es, bei der Bundesagentur für Arbeit seien mehr arbeitslose IT-Fachkräfte als offene Stellen gemeldet. „Die Statistik der Arbeitsagentur spiegelt nicht die tatsächliche Situation auf dem Arbeitsmarkt wieder“, sagte Kempf. Da die Firmen nur etwa jede dritte offene Stelle der Arbeitsagentur melden, sei der Bedarf weitaus größer als die Statistik suggeriert. Zudem konzentriert sich der Mangel an IT-Spezialisten auf gut ausgebildete Experten mit Hochschulabschluss.

Neben der Abschaffung der Vorrangprüfung könnten kurzfristig die Verdienstgrenzen gesenkt werden für IT-Fachkräfte, die nicht aus der EU kommen: von aktuell 66.000 Euro pro Jahr auf 40.000 Euro. Aus Sicht des BITKOM sollte mittelfristig das Zuwanderungsrecht auf Basis eines Punktesystems grundlegend reformiert werden. „Deutschland muss im Ausland aktiv für den Arbeits- und Studienstandort werben“, forderte Kempf. Bisher gebe es von öffentlichen Stellen kaum Informationen über die Möglichkeiten der Migration. Ein mehrsprachiges Zuwanderungsportal im Internet könne hier Abhilfe schaffen. Diese Forderung unterstützen laut BITKOM- Umfrage vier von fünf ITK-Unternehmen. Drei Viertel sprechen sich dafür aus, die bürokratischen Hürden für die Zuwanderung zu senken. Kempf: „Deutschland schottet seinen Arbeitsmarkt immer noch zu sehr ab, statt sich dem Wettbewerb um die besten Talente in aller Welt zu stellen.“

Methodik: Im Auftrag des BITKOM hat das Meinungsforschungsinstitut Aris 1.500 Geschäftsführer und Personalleiter von Unternehmen unterschiedlicher Branchen befragt. Die Umfrage ist repräsentativ für die Gesamtwirtschaft.

Meldung gespeichert unter: BITKOM

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