VATM und Dialog Consult stellen Studie zum deutschen Telekommunikationsmarkt 2012 vor

Donnerstag, 18. Oktober 2012 10:12
VATM

Gesamtumsatz der TK-Dienste bleibt stabil – Wettbewerber tätigen mehr als die Hälfte der Investitionen – Deutsche telefonieren und simsen so viel wie nie zuvor – Datenübertragungsmenge im Mobilfunk steigt um ein Drittel – Mobiles Internet treibt Non-Voice-Umsätze – Nur geringes Wachstum bei Glasfaseranschlüssen – 28,1 Millionen Breitbandanschlüsse

Köln, 18.10.2012.  Die Umsätze mit Telekommunikationsdiensten in Deutschland werden 2012 voraussichtlich mit 60,1 Milliarden Euro nahezu stabil bleiben (-0,1 Milliarden Euro). Das entspricht im Vergleich zum Vorjahr einem Rückgang um 0,2 Prozent. Dabei wird der Umsatz im Mobilfunkbereich um rund 0,2 Milliarden Euro auf 24,8 Milliarden (+0,8 Prozent) leicht steigen, der TK-Festnetzbereich um 0,9 Milliarden Euro auf 30,9 Milliarden Euro zurückgehen. Die Kabelnetzbetreiber steigern mit einem Plus von 0,6 Milliarden Euro und damit 15,8 Prozent ihren Umsatz deutlich. Das sind Ergebnisse der 14. gemeinsamen TK-Marktstudie, die Dialog Consult und VATM heute in Köln vorgestellt haben.

Die alternativen TK-Anbieter verbuchen im Festnetz-Segment insgesamt ein leichtes Plus um 1,3 Prozent auf 15,5 Milliarden Euro (+0,2 Milliarden Euro). Der Umsatz der Telekom sinkt in diesem Bereich um 6,7 Prozent auf 15,4 Milliarden Euro. Im Mobilfunkbereich legen die Telekom-Wettbewerber 2012 im Vorjahresvergleich um etwa 0,5 Milliarden Euro auf 17,6 Milliarden Euro zu.

Die Höhe der TK-Sachanlagen liegt insgesamt weiter bei rund 6 Milliarden Euro (2011: 6,1 Milliarden Euro). Die Wettbewerber tragen mit 3,1 Milliarden Euro erneut mehr als die Hälfte (52 Prozent) des Investments. Seit der Marktliberalisierung haben sie in Deutschland 54,7 Milliarden Euro investiert. 

Die Zahl der Mitarbeiter bei den alternativen Anbietern bleibt in diesem Jahr ebenfalls stabil (-200 auf 53.500). Die Deutsche Telekom versucht weiterhin, ihre Effizienz durch einen Abbau bei den Beschäftigten (-1.900) in Deutschland zu steigern.

Die Zahl der Festnetz-Breitbandanschlüsse nimmt in diesem Jahr um rund 0,8 Millionen auf 28,1 Millionen zu. „Das Wachstum im Breitbandmarkt findet zu drei Vierteln bei den Kabelnetzbetreibern mit 0,6 Millionen neuen Kunden statt“, sagt Prof. Torsten J. Gerpott, der die TK-Marktstudie wie in den Vorjahren mit der Dialog Consult GmbH im Auftrag des VATM erstellt hat.

Rund 800.000 Haushalte (+70.000) werden in Deutschland Ende 2012 an Glasfasernetze mindestens bis zum Gebäudekeller angeschlossen sein. Das bedeutet insgesamt ein marginales Wachstum. Das Gesamtdatenvolumen des Breitband-Internetverkehrs im Festnetz nimmt um rund 13 Prozent auf 4,4 Milliarden Gigabyte zu. Das aus Mobilfunknetzen pro Nutzer abgehende Datenübertragungsvolumen steigt um 33 Prozent auf 196 Megabyte (ohne LTE). 2012 werden die Datendienste fast zwei Drittel der Non-Voice-Umsätze im Mobilfunk ausmachen. Neue Höchstwerte gebe es auch bei der Anzahl von SIM-Karten und verschickter SMS zu vermelden – und das trotz Ausbuchungen bei den Kundenbeständen und der Konkurrenz durch Messenger-Dienste, erläutert Prof. Gerpott. Ende 2012 werde es rund 115,1 Millionen SIM-Karten geben (2011: 114,1 Millionen). Täglich werden in diesem Jahr rund 157,2 Millionen SMS (2011: 147,8 Millionen; + 6,4 Prozent) verschickt. „Aber auch miteinander telefoniert wird in Deutschland mehr denn je: insgesamt 949 Millionen Minuten täglich“, vermeldet Prof. Gerpott weiter.

VATM-Präsident Gerd Eickers bewertet die Wettbewerbssituation auf dem deutschen TK-Markt insgesamt als recht positiv – vor allem für die Verbraucher. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichten jedoch erneut, dass der Wettbewerb immer noch einer effizienten Regulierung bedürfe. „Die Telekom ist im Festnetzbereich weiterhin dominierend. 15 Jahre nach der vollständigen Liberalisierung wird die Telekom alleine in diesem Bereich trotz Umsatzeinbußen mit 43,7 Prozent Gesamtumsatzanteil fast genauso viel umsetzen wie alle alternativen Festnetz-Carrier mit 43,9 Prozent zusammen“, so Eickers. Im Bereich Breitband beherrscht die Telekom auch Ende 2012 mit rund 45 Prozent Endkunden-Anteil deutlich den Markt.

Weiterhin bestehen bleibe zudem die Abhängigkeit der Wettbewerber von den Vorprodukten der Telekom Deutschland, die überwiegend auf die Anschlussnetze bis zum Haus der Telekom aus Monopolzeiten zurückgreifen müssen. „Je nach Einstiegsangebot für den Endkunden müssen die Wettbewerber pro Euro Umsatz bis zu 65 Cent an die Telekom zahlen“, so Prof. Gerpott. „Durch die monatliche Miete für die Teilnehmeranschlussleitung – TAL –, die die Wettbewerber an den Ex-Monopolisten in Höhe von 10,08 Euro zahlen müssen, tragen wir trotz aller sachlichen Gegenargumente hinsichtlich der Höhe des Entgeltes weiterhin erheblich zum Umsatz der Telekom in diesem Bereich bei“, unterstreicht Eickers. Hohe TAL-Preise verzerrten zudem den Wettbewerb gegenüber den Kabelnetzbetreibern, die keine Vorleistungen bezahlen müssen und vorrangig in bereits gut versorgten Gebieten ihre Netze optimierten. Ihr Koaxialkabelanschlussnetz wurde noch zu Bundespost-Monopolzeiten bezahlt. Der VATM-Präsident appellierte, die Preise zumindest an den europäischen Durchschnitt in Höhe von 8,62 Euro anzupassen. „Wir wollen Investitionskosten in den Ausbau moderner Infrastruktur lenken anstatt in abgeschriebene Kupferleitungen.“

„Die intensiv geführten Diskussionen um die Versorgung mit schnellem Breitband in Deutschland haben gezeigt, welch große Bedeutung der Kommunikationssektor für den Wirtschaftsstandort Deutschland auch zukünftig haben wird. Diese Infrastrukturen sind die wirtschaftlichen Nervenstränge der Zukunft. Die Wettbewerber spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Laut einer Studie von seim & partner haben sie 2011 doppelt so viel in den FttH/B-Ausbau investiert und sogar drei Mal so viele Haushalte erschlossen wie die Telekom – und das trotz immer wieder anders lautender Ankündigungen des Ex-Monopolisten und politisch motivierter hoher Vorleistungspreise“, verdeutlicht Eickers. 

„Beim LTE-Ausbau für den schnellen Anschluss via Mobilfunk sind in diesem Jahr große Fortschritte erzielt worden. In Kürze werden in allen Bundesländern die Versorgungsauflagen erfüllt und damit die ländlichen, bisher unversorgten Regionen bereits erschlossen sein. Vodafone, Telefónica und Telekom können dann – zumindest in dieser Hinsicht – frei ausbauen. Wir erwarten hier durch die Bundesnetzagentur eine Verbesserung der Genehmigungsdauer von Richtfunkstrecken, die für LTE benötigt werden. Das Datenvolumen, das über die Zukunftstechnologie LTE abgewickelt werden wird, wird rasant steigen“, sagt VATM-Präsident Gerd Eickers.

Die Ergebnisse der Studie im Einzelnen:

I.              Gesamtmarkt für Telekommunikationsdienste in Deutschland

Von den Gesamtumsätzen in Höhe von rund 60,1 Milliarden Euro, die 2012 in Deutschland mit Telekommunikationsdiensten erzielt werden, entfallen 30,9 Milliarden Euro (-0,9 Milliarden Euro, -2,8 Prozent) auf den TK-Festnetz- und 24,8 Milliarden Euro (+0,2 Milliarden, +0,8 Prozent) auf den Mobilfunkmarkt sowie 4,4 Milliarden auf die Kabelnetzbetreiber (+0,6 Milliarden, +15,8 Prozent). „Der Umsatzrückgang bei der Telekom Deutschland wird durch Zuwächse bei anderen Unternehmen, allen voran den Kabelnetzbetreibern, fast ausgeglichen“, erläutert TK-Experte Prof. Gerpott. Die Telekom kann die Kundenabwanderungsgeschwindigkeit im Festnetzgeschäft in Deutschland zwar verringern, im Ergebnis beträgt der Umsatzrückgang jedoch 1,1 Milliarden Euro. Die Telekom bleibt im TK-Festnetzmarkt (ohne Kabelnetzanbieter) mit fast 50 Prozent Umsatzanteil aber der marktbeherrschende Anbieter. Die TK-Wettbewerbsunternehmen erreichen durch Effizienzsteigerung im Festnetz ein leichtes Umsatzwachstum von 200 Millionen Euro (Abb. 1+2).

Weiterhin deutlich zu Buche schlagen die Vorleistungsentgelte, die die Wettbewerbsunternehmen pro Euro Umsatz bei Komplettanschlüssen an die Telekom bezahlen müssen, da sie überwiegend auf die Anschlussnetze des Ex-Monopolisten angewiesen sind. Bei einem preisattraktiven Einsteigerangebot, mit dem viele TK-Wettbewerbsunternehmen mangels technischer Differenzierungsmöglichkeiten in den Markt gehen, fließen fast zwei Drittel des so erzielten Umsatzes über Interconnection- und TAL-Entgelte wieder zurück an die Telekom Deutschland (bis zu 65 Cent pro Euro Umsatz) (Abb. 3). Das heißt, auch bei Kundenwechseln zu Wettbewerbern verdient die Telekom Deutschland weiter mit.

Dennoch investieren besonders die Wettbewerber in TK-Sachanlagen. Sie tragen 3,1 Milliarden der insgesamt 6,0 Milliarden Euro (Abb. 4). „Die kontinuierliche Einführung neuer Technologien wird Investitionen in dieser Gesamthöhe – und noch mehr – auch in Zukunft erforderlich machen“, sagt Prof. Gerpott. „Die hohen Vorleistungspreise erschweren zunehmend die Investitionen der Wettbewerber“, bewertet VATM-Präsident Eickers die Situation.

Während der ehemalige Staatskonzern Telekom weiterhin Stellen (-1.900) abbaut, bleibt die Zahl der Beschäftigten bei den TK-Wettbewerbsunternehmen mit 53.500 Mitarbeitern fast stabil (-200) (Abb. 5). Zugleich sichert der Wettbewerb jeden zweiten Arbeitsplatz in der Zulieferindustrie. „Das Management der technischen Systeme erfordert immer weniger Personal. Zum Erreichen einer guten Servicequalität im Kundenmanagement wird jedoch eine signifikante Mitarbeiterzahl benötigt“, erläutert der Studienautor. 

II.            Festnetzmarkt

Rund 375 Millionen Minuten haben die Kunden der Wettbewerber 2012 durchschnittlich täglich telefoniert. Der Anteil von Call-by-Call und Preselection sinkt zwar in diesem Jahr aufgrund der immer stärkeren Nutzung von Komplettanschlüssen anderer Wettbewerber und von Telekom-Flatrates, es werden aber weiterhin bei 48 Millionen Minuten Tag für Tag Vorauswahl-Nummern gewählt (Abb. 6).

Bei den herkömmlichen stationären Telefonanschlüssen dominiert die Telekom weiterhin mit einem Anteil von 59,2 Prozent und 22,3 Millionen Anschlüssen das Geschäft. Rund drei Viertel der Nicht-Telekom-Kunden beziehen ihren Sprachanschluss bei alternativen TK-Netzbetreibern (11,2 Millionen), ein Viertel bei Kabelnetzbetreibern (Abb. 7). Die Wettbewerber setzen dabei stark auf die zukunftsweisende Voice-Over-IP-Technologie. 55,4 Prozent ihrer Sprachanschlüsse basieren bereits auf ihr (Abb. 8). „Für die Telekom gibt es weniger Motivation, von der veralteten PSTN-Technologie abzurücken, da sie hierfür noch Terminierungsentgelte erhält“, sagt später Gerd Eickers. 98,2 Prozent der Telekom-Sprachanschlüsse basieren noch auf PSTN. 

Das Wachstum bei den Breitbandanschlüssen ist weiterhin positiv, legt aber weniger zu als im Vorjahr. Die Zahl der direkt geschalteten Breitbandanschlüsse steigt bis zum Jahresende um 0,8 Millionen Anschlüsse und damit um 2,9 Prozent auf 28,1 Millionen (Abb. 9). Die Telekom gewinnt 0,3 Millionen hinzu, die BK-Netzbetreiber 0,6 Millionen. Bei den TK-Wettbewerbsunternehmen sinkt die Zahl voraussichtlich um 0,1 Millionen ebenso wie die Vorleistungsvariante Telekom Resale (Abb.9).

Die Telekom Deutschland hielt auch Mitte 2012 45 Prozent Endkunden-Anteil am Breitbandmarkt. Zweitgrößte Anbieter sind hier Ende Juni 2012 Vodafone und United Internet (1&1) mit je 11,9 Prozent, gefolgt von Telefónica (9 Prozent) (Abb. 10). Allerdings müssen Vodafone, United Internet und andere Wettbewerbsunternehmen auf Netzleistungen der Telekom zurückgreifen.

An Glasfasernetze bis zum Gebäudekeller werden in Deutschland laut Studie bis Ende 2012 rund 800.000 Haushalte angeschlossen sein. Nur 43 Prozent dieser Haushalte nutzen auch tatsächlich diese Hochgeschwindigkeitsanschlüsse und können von Carriern als zahlende Kunden auf einen Glasfaseranschluss überführt werden (Abb. 11). „Das unterstreicht einmal mehr, dass der Maßstab für einen nachhaltigen, preisbewussten und gut geplanten Ausbau Nachfrage und Zahlungsbereitschaft der Kunden für mehr Leistung sein muss“, betont später VATM-Präsident Eickers.

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